Manfred Bluth - Vom Stand und vom Lauf der Dinge

 

Manfred Bluth "Vom Stand und vom Lauf der Dinge"

Der große Streitpunkt der fünfziger Jahre, ob die Kunst nun abstrakt oder gegenständlich sein soll, ist mittlerweile historisch geworden, weil ein- und überholt von der inzwischen eingetretenen »Entgrenzung« der Kunst. »Indem einer geht und besorgt sich Keilrahmen und spannt darauf eine Leinwand -damit beginnt der Fehler«, erklärte Josef Beuys bereits am Ende der sechziger Jahre. Warum das ein Fehler sein sollte, begründete er nicht, und so könnte die Antwort ebenso apodiktisch ausfallen: »Indem sich einer einen Eimer billiger Margarine besorgt und schmiert diese auf den Sitz eines Holzstuhls - damit beginnt der Fehler!

Ich selbst begreife Beuys eher als ein kulturgeschichtliches denn als ein Kunstphänomen, Außerdem war er ein höflicher und durchaus umgänglicher Mensch. Erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt verfiel er dem Größenwahn, was nicht verwundert, denke ich an all den Applaus und die Aufmerksamkeit, die ihm von Seiten der Medien zuteil wurden. »Ruhm essen Seele auf«, könnte auf seinen Fall bezogen wohl gesagt werden. Er hat aber die Entwicklung der Kunst hin zu ihrer Entgrenzung über den für ihn spezifischen Materialfetischismus - Filz und Fett - enorm beschleunigt, auch erfüllte er darin sicher den geheimen Wunsch des in den siebziger Jahren zunehmend saturierten Bürgertums der damaligen Bundesrepublik nach Kargheit. Er demonstrierte  Materialaskese  inmitten der Völlerei und wurde so zu einer Art von

modernem Savonarola. Jedenfalls begehen in unseren Tagen die Gegenständlichen und die Abstrakten gemeinsam den von Beuys gerügten Fehler: Noch immer spannen sie Leinwände auf Keilrahmen.


Eine weitere merkwürdige Parallele, diesmal zur DDR-Kunstentwicklung der frühen sechziger Jahre, beinhaltet die Prämisse von Beuys: »Jeder ist Künstler.« Noch ehe er diesen Ausspruch tat, wurde aber in der DDR von seiten der Staatspartei der »Gitterfelder Weg« entdeckt, was in diesem Fall bedeutete, »wir machen jeden zum Künstler«, und auf die Bildung unzähliger Laienzirkel hinauslief. Um Beuys kommt jedenfalls keiner herum, der sich mit der Kunstentwicklung der letzten dreißig Jahre beschäftigt, eben weil er in erster Linie ein kulturgeschichtliches Phänomen verkörpert. Das Geflimmere unzähliger Videobildschirme war übrigens seine Sache nicht, sehr wohl aber beeindruckte ihn die karge Verpackung von Grundnahrungsmitteln in der damaligen DDR. Es gab viele Gründe ihn zu vereinnahmen, auf daß Person und Werk systemstabilisierende Wirkung entfalten konnten. Das erklärt nicht nur Beuys' erstaunliche Berühmtheit, sondern auch, warum selbst die dümmlichsten seiner Thesen von den Medien in der Regel unwidersprochen aufgenommen und verbreitet wurden.

 

Dieses System leidet jetzt offenbar auch an Gedächtnisschwund, negiert es doch gerade das, was einer früheren Avantgarde als Ehrenkranz ums Haupt geflochten wurde. Noch bei von Gogh oder Gauguin z.B. wurde deren offensichtliche Erfolglosigkeit als eine Art Ritterschlag zukünftiger Größe begriffen. Der Mangel an Erfolg verwandelte sich in Aura. Jetzt zählt der Erfolg, besser noch der große internationale Erfolg (und die darüber zu erzielenden Preise für Kunstwerke), als allein maßgebliches Indiz für den Wert bestimmter Kunstprodukte. Wir befinden uns also auf dem Stand der Entwicklung von vor etwa hundert Jahren, als Bilder von Millais, Alma Tadema, Makart und Lenbach weit höher bewertet wurden als Arbeiten von Manet, Monet, von Gogh oder Gauguin. Vor allem eines können wir daraus ableiten, nämlich daß die bürgerliche Gesellschaft in ihren Reaktionen unerhört stabil geblieben ist. Zwar hat sich ihr Geschmack verändert, aber auch im neuen Rahmen strebt sie womöglich noch intensiver nach der Unverbindlichkeit früherer Salonkunst. Daß wir heute auch Beispielen der »Gedankenkunst« des 19. Jahrhunderts im neuen - entgrenzten - Gewande wieder begegnen, widerspricht dem keineswegs. Denn damals wie heute ist diese Gattung Kunst geprägt von der lehrhaften Langeweile des erhobenen Zeigefingers (heute: »bewußtmachen«) und extremer Unsinnlichkeit in der Ausführung (damals die Kontur anstelle der Malerei, heute z. B. endlose Zahlenreihungen a la Arakawa).


Natürlich erhält jede Gesellschaft, jetzt wie einst, die Kunst, die sie sich wünscht und nach der sie Verlangen trägt, wobei - seltsam genug - nicht bemerkt wird, daß sich eine unter dem Banner des Avantgardebegriffs vorgetragene Moderne schon längst zum modernen Salon entwickelt hat. Jeden Zweifel daran unterdrücken die dem neuen Begriff vom »Wahren, Schönen und Guten« anhängenden Feuilletonredaktionen zwischen Hamburg und Basel, ein Wiederauferstehen der alten »Gartenlaube« unter neuem Vorzeichen, Ein geradezu klassischer Beweis wurde dabei von einer Hamburger Wochenzeitschrift vor einigen Jahren geliefert, als ein aus der DDR entwichener Schriftsteller in ihren Spalten doch einmal ernste Zweifel an der Substanz bestimmter Phänomene geäußert hatte. Erst gab es eine Scheinkontroverse und zum Schluß die Verabreichung der großen Beruhigungspille durch den erhabenen Mund einer Autorität, in diesem Fall durch den des reichlich pompös gewordenen Präsidenten der Münchener Akademie, Prof. Dr. Wieland Schmied. Noch nie wäre die Szene vitaler, lebendiger und innovativer gewesen, äußerte dieser Herr und starb keineswegs, sondern amtierte munter weiter. Erkennen wir derartiges einfach als modernes Ritual, werden wir uns von Auftritten dieser Art kaum beeindrucken lassen.


Auf derselben Ebene liegt eine Veranstaltung im Rahmen der documenta 1992. Eingeladen wird zu einem Symposium »Zeitgenössische Kunst – eine Gefahr für Leib und Seele?«, eine Betitelung, die offenbar neckisch gemeint ist. Und so ist die Antwort auch schon vorweggenommen, denn es kann sich nur um eine Scheindiskussion handeln, betrachte ich den Teilnehmerkreis, an seiner Spitze natürlich Prof. Dr. Wieland Schmied. Ein Deja-vu-Erlebnis, dem zum Glück jeder entrinnen konnte, der an diesem Symposium gar nicht erst teilnahm. Daß aber im Jahr 1992, nach dem totalen Sieg der Moderne, noch immer eine Veranstaltung stattfinden soll, die allenfalls in die aufklärerischen Bemühungen nach 1945 gepasst hätte, nimmt wunder. Erklärlich ist es mir nur, wenn ich ins Auge fasse, daß dahinter der geheime Wunsch steht, die Moderne von heute wäre tatsächlich umstritten und würde attackiert. Daß dem nicht mehr so ist, hat einen Spannungszustand beseitigt und so zur raschen Vergreisung dieser Moderne ebenso beigetragen, wie es ihren Weg in die Salonkunst beschleunigt hat. Am Ende steht ihre Wandlung zur Postmoderne.

 

Bei jenem ex cathedra als ungewöhnlich vital charakterisierten Salon kann, durchaus vergleichbar mit dem des 19. Jahrhunderts, eine Hinwendung zum Spektakel, zum Jahrmarktsmäßigen, zum nur für eine Großausstellung (z.B. documenta) entworfenen Knüller, zum Plagiat (das diesjährige documentaSymbol »Mann, der zum Himmel geht« von Jonathan Borofsky, ist eins, wenn auch kein ganz direktes) und zum Deja-vu-Erlebnis konstatiert werden. Es ist wie einst, nur die Mittel sind andere. Nicht mehr die »Pest in Florenz« von Makart ist es, die als Beispiel für die Vitalität der Szene herhalten muß, sondern eine öde Gummirakelabstraktion von Gerhard Richter aus Düsseldorf, wie sich denn überhaupt das Rheinland mit seinem Zentrum Köln als Hort heutiger Salonkunst in den letzten Jahrzehnten geradezu blendend etabliert hat. Wenn nun wir, die Realisten, die dort nicht das mindeste zu bestellen haben, uns zu Wort melden und sagen, daß wir das so toll nicht finden wie eine gewisse, diesem Betrieb verschworene Insider-Clique, so werden wir im Sinne des bereits Geschriebenen abqualifiziert. Aber nicht nur wir, die eher als harmlos eingeschätzten Künstler-Realisten (Hunde, die bellen, beißen nicht...), sondern jeder, der da kommt und Zweifel anzumelden wagt, erhält ganz schnell den Banausenstempel der Fortschrittsfeindlichkeit aufgedrückt. Vollkommen ignoriert wird dabei, daß gerade aus Außenseiterpositionen heraus die immanenten Schwächen dieses Systems natürlich besser wahrzunehmen sind als von dessen Protagonisten und Profiteuren. So z. B. das Phänomen der Verwandtschaft heutiger Kunstgroßveranstaltungen mit dem Salon des 19. Jahrhunderts (wobei ich natürlich an den Pariser Salon denke, nicht etwa an seinen matten Berliner Abklatsch am Lehrter Bahnhof). Dieser Pariser Salon war damals ein »Jahrmarkt der Künste«, eine riesige Messeveranstaltung, die große Besuchermassen anzog.(1) In seiner besten Zeit konnten sich während seiner Dauer gut eine Million Menschen in den Ausstellungsräumen drängeln, und in besonderer Dichte umringten sie natürlich die spektakulären Exponate; denn in erster Linie kamen die Besucher wegen jener großen »Maschinen«, deren Unterhaltungswert am stärksten war. In Bildern wie »Senf an der Leiche Wallensteins« von Piloty, den »Römern der Verfallszeit« von Couture oder »Golgatha« von Munkacsy fanden sie das, was sie suchten, die echten Vorläufer der heutigen Breitwandfilme. Viele dieser großformatigen Bilder wurden äußerst unsolide hergestellt, denn sie mußten ja zu dem Termin der Großausstellung fertig sein. Entsprechend hatte die Arbeit möglichst rasch vonstatten zu gehen, und das ging am besten mit Hilfe der beliebten Asphaltgründe. Falls diese Bilder überhaupt noch existieren, stehen wir heute traurigen Ruinen ehemaliger Farbenpracht gegenüber. Noch radikaler geht es zu, wenn im Rahmen jetziger Kultausstellungen Installationen entstehen, die nach deren Ende kurzerhand abgerissen werden und auf den Müll wandern. Nicht einmal als traurige Ruinen, nur noch als Katalogabbildungen existieren diese Kunstwerke weiter.


Es waren die technischen Erfindungen des entwickelten Industriezeitalters, die den Unterhaltungs- und Freizeitwert des Kunstsalons erst gemindert und am Ende aufgehoben haben. Erst dann konnte eine Moderne triumphieren, die bis dahin eher als puritanisch-asketisch und damit als langweilig empfunden worden war. Merkwürdig genug, daß in unseren Tagen mit jeder documenta um dieses Massenpublikum erneut gebuhlt wird und entsprechende Besucherrekorde mit schrillen Fanfarenstößen gefeiert werden. Gegenüber dem Geflimmer ganzer Batterien von Videoapparaten und einer Atmosphäre, die sich den kommerziellen Messen immer mehr angleicht, mögen wir heutigen Realisten asketisch und langweilig erscheinen. Doch bleibt dies abzuwarten. Das Phänomen von Überdruß und Langeweile in der saturierten bürgerlichen Welt ist noch nicht präzise genug erforscht, um Voraussagen machen zu können. Und was wird erst sein, wenn wirtschaftliche Talfahrten und ökologische Zusammenbrüche ein Ende der Saturiertheit mit sich bringen?

 

Das nun folgende geht an uns etwa so vorbei, wie an dem Nichtbesitzer von Aktien die tägliche Notierung der Börsenkurse: Mario Merz war diesmal ein Versager. Die Hauptwand der neuen documenta-Halle hat er nicht bespielen können. Aber auch viele andere versagten, allzuviel Überzeugendes gab es diesmal nicht zu sehen. Versagt hat aber wohl auch der große Macher aus Belgien; zwar hat er für Sponsoren gesorgt, aber ein intellektuelles Konzept für »seine« documenta hat er nicht entwickeln können. Er liebt den Boxsport (m. E. eher eine Regression zurück in die zwanziger Jahre), aber am Ende ist er doch vielleicht ein bißchen dumm. Nach Leipzig wird er nun wohl nicht gehen; der dortige Posten als Museumsleiter war ihm gewissermaßen als Trostpreis zugedacht, aber mit einer pauschalen Abqualifizierung der Kunst der ehemaligen DDR hat er das wohl verscherzt. Dies wiederum würde für die These seiner Dummheit sprechen oder doch zumindest für seine Ahnungslosigkeit in Sachen wirklichkeitsbezogener Darstellung. Wer sich mit der realistischen Malerei der DDR auch nur ein bißchen vertraut gemacht hat, der weiß, daß wir diesen Darstellungen mehr Einblick in die Befindlichkeit der Bevölkerung dieses entschwundenen Staates verdanken als jeder anderen Quelle.

Abqualifiziert zu werden, ohne daß eigentlich Kenntnis von dem vorliegt, was da so pauschal gering geschätzt wird, ist allerdings etwas, das die West-Realisten seit langem gewöhnt sind. Vor allem wirkte es auf die Kritik irritierend, daß es die Realisten immer gegeben hat. Kaum zu fassen: »Jeder denkt, die sind perdu, aber nein, noch leben sie«, diese Verszeilen aus »Max und Moritz« lassen sich trefflich auf das Phänomen der Fortdauer realistischer Kunstbestrebungen im immer entgrenzteren Kunstraum der alten Bundesrepublik beziehen. Tatsächlich war das nur möglich, weil der Prozeß der Übertragung von Wirklichkeit in Kunst ein besonderes Faszinosum darstellt, von dem viele Künstlerinnen und Künstler nicht Abschied nehmen wollten, auch wenn sie für ihre Bemühungen weniger Lob als Tadel einheimsten und Villa-Massimo-Stipendien kaum mehr winkten.

 

Nun wollen die Realisten nicht länger am Katzentisch sitzen, sondern als legitimer Teil der Moderne begriffen werden, von der sie sich selbst ja nie verabschiedet hatten. Der etwas welk gewordenen Moderne kann ein solcher Prozeß nur guttun, vor allem wenn er dazu führt, daß sie sich nicht länger in dummem Hochmut als lineare Entwicklung hin zu einer verinnerlichten, »ewigen« Avantgarde begreift. Es ist einfach nicht möglich, von einer »Postmoderne« auszugehen, in der die Realisten gar nicht mehr vorkommen! Als isoliertes Happening, abgeschirmt vom Rest der Welt, die sich chaotisch-nichtlinear weiterbewegt, dürfte das auf die Dauer eher der Entwicklung einer Sonderform von Verhaltenskomik im Kunstbereich förderlich sein. Innovativ sind die Realisten durchaus gewesen, sie haben sogar regelrechte Entwicklungssprünge gemacht, vergleiche ich nur den heutigen Stand mit dem Bild, das der Realismus in der Zeit meiner eigenen künstlerischen Jugend in den fünfziger Jahren abgab.


Einzig »entgrenzen« konnten und können sich die Realisten nun einmal nicht. Auch bedingt die Auseinandersetzung mit Realität seit jeher einer gewissen dienenden Rolle. Völlig autonom können diese Künstler nicht arbeiten, doch gerade diese Abhängigkeit ist wenig beliebt, widerspricht sie doch dem modernen Mythos vom schöpferischen Künstler, der alles aus seinem Bauch gebiert. Abgesehen davon scheint bereits die Aussicht auf das Wiederauftauchen einiger Kriterien und auf ein Minimum von handwerklichen Grundlagen, ohne die es ja in unserem Rahmen einfach nicht geht, auszureichen, um eine gewisse Panikstimmung zu erzeugen, was nicht gerade für eine große Selbstsicherheit unserer modernen Kunstszene spricht. »Das soll nicht aufkommen«, äußerte schon der in Kunstdingen klassizistisch-konservativ eingestellte Goethe, als er mit der romantischen Kunstbewegung konfrontiert wurde. Würde nur einfach immer von neuem begriffen, daß wir keineswegs auf der »Höhe der Zeit«, sondern mitten in ihrem Sumpfe stecken, wäre schon vieles einfacher. Doch so weit sind wir keineswegs.

Daß sich ein pfeifeschmauchender Landesfürst und Parteivorsitzender eher für die abstrakte Richtung in der Malerei engagiert, weil seine malende Gattin sich auf diesem Felde betätigt, ist verständlich, und wir können das verschmerzen (obwohl, im Sinne des bereits Gesagten, auch jene Gattin Leinwand auf Keilrahmen aufspannt und damit den gleichen Fehler begeht wie wir...).

 

Aber was sollen wir z. B. davon halten, daß im Kultusministerium eines sozialdemokratisch regierten Altbundeslandes(2) offenbar ernsthaft erwogen wird, der gegenständlich orientierten Kunst jegliche Förderungswürdigkeit abzuerkennen? Als nächster logischer Schritt müßte dann wohl die kultusministerliche Anerkennung als »entartet« folgen. Im Übrigen ist es im Bonner Auswärtigen Amt einem Kreis von Kulturverwaltern längst geglückt, die Realisten von jeglicher Förderung auszunehmen, auf kaltem Wege und fein diplomatisch. Es darf vorausgesetzt werden, daß derartige Kunstbemühungen im Ausland auf keinerlei Interesse mehr stoßen, heißt es gewöhnlich dazu. Einem unserer Mitglieder geschah es, daß zu seiner Ausstellung in Moskau - die Ausstellung kam natürlich ohne das Zutun des AA zustande - sich die Kulturrepräsentanten der Botschaft weigerten, überhaupt zur Eröffnung zu erscheinen. Es waren Leute, die vollkommen feindselig eingestellt waren, so als gehöre dieser Künstler einem Lande an, mit dem sie in Kürze im Krieg ständen. Auf Nadelstiche, Unfreundlichkeiten oder die ewig-alte Dummheit eines Kritikers muß jeder Künstler gefaßt sein, seitdem es die bürgerliche Presse mitsamt ihrer darin eingerichteten Kunstkritik gibt, auch ist es ja keineswegs ausgemacht, daß der Kritiker das von ihm Kritisierte jedesmal falsch einschätzt. Doch die heutige Kritik, in Verbindung mit ganzen Scharen von Schönschwätzern aus dem Fachbereich Kunstwissenschaft, betreibt eine Einflußnahme, die durchaus darauf hinausläuft, die Entwicklung der Dinge selbst zu beeinflussen, wenn nicht zu bestimmen. Ist erst einmal der Posten eines Museumsleiters besetzt, so wird auf Dauer das betrieben, was gerne unter dem Begriff »Kunstpolitik« zusammengefaßt wird. Und hier haben die Realisten keinen guten Stand, nicht zuletzt, weil sie der Natur ihrer Arbeit nach sich jeder Einflußnahme von außen eher entziehen. Genau darum aber scheint es zu gehen, daß nämlich Vorgaben diktiert werden, an denen die Künstler sich zu orientieren haben. Daß der Künstler selbstbestimmt seiner Arbeit nachgeht, diese These ist längst zu einer reinen Phrase verkommen; nicht überall und schon gar nicht bei den Realisten, aber dies ist bestimmt einer der Gründe für ihre geringe Beliebtheit dort, wo recht eigentlich die Politik gemacht wird. Über diese Entwicklung ist aber ein ganzes Fach unfähig zur Selbstkritik geworden - der Kontrolleur kann sich nun einmal nicht selbst kontrollieren. Wäre das anders, dann müßte man sich eingestehen, daß Ornithologen eben doch keine Eier legen können(3) oder daß Eunuchen nicht die richtigen Vermittler sind, um Verhaltensweisen für den Geschlechtsverkehr zu verordnen. So ist, ebenso wie die These vom selbstbestimmt arbeitenden Künstler, auch die vom »Pluralismus« in der modernen Kunst nichts als eine Phrase. Es gibt da einfach Künste, die gleicher sind als andere und allseitige Förderung erfahren. Auf der anderen Seite wird gern eine Taktik angewandt, gegen die es kaum ein Mittel gibt, um sich zur Wehr zu setzen, nämlich einfach totgeschwiegen zu werden. In der heutigen Mediengesellschaft ist es ja ungemein wichtig, immer im Gespräch zu bleiben, wozu eine Art von ständigem Hintergrundgeräusch gehört, z.B. nicht zuletzt das vielfach geübte »name dropping«. Auch hierbei fahren die Realisten in der Regel schlecht, - sie sind eine wahre quantite negligeable für die meisten Kulturredaktionen. Dies ist einer Künstlerin, Mitglied unseres Sonderbundes, in der Hauptstadt des südlichen Kernlandes unserer Republik widerfahren, als sie dort eine umfangreiche Kollektion ihrer Arbeiten zeigte. Die dortige große überregionale Zeitung verweigerte jegliche Besprechung ihrer Ausstellung kurzerhand mit der Begründung, derartiges zu kritisieren fehle es dem Blatt an kompetenten Kritikern. Machte ein solches Verhalten Schule, dann können sich die Realisten leicht ausrechnen, wann sie allenfalls noch in kleinen Provinzblättern auf eine Besprechung ihrer Arbeiten hoffen können.
 

»Schon allerlei«, mag eine Leserin oder ein Leser dieser Zeilen kopfschüttelnd zu diesem Vorfall sagen, den ich selbst leider als isoliertes Ereignis nicht zu sehen vermag, denn ich könnte mit weiteren Beispielen wohl aufwarten, tue es aber nicht, denn das würde rasch langweilig und außerdem leicht den Eindruck erwecken, als wollte ich den Platz eines alten Klageweibes besetzen. Doch wird's mir mit jedem Jahr, daß ich älter werde, immer bewußter, daß wir ebenso wie in der Politik auch in der Kunstpolitik meist mit Phrasen abgespeist werden, und dies von in der Regel selbsternannten Vertretern für das »Wahre, Schöne und Gute«.

 

Trotzdem möchte ich es vermeiden, das Negativbild zu überzeichnen, ein einheitlich düsteres Panorama gibt es nicht. Noch immer kann es geschehen, daß ein »Gegenständler« (von einer »Gegenständlerin« wüßte ich's nicht!) zum Professor an einer Kunsthochschule ernannt wird, vorzugsweise wohl immer dann, wenn gewisse Ausbildungsdefizite allzu offenkundig werden. Auch ein überregionaler Bekanntheitsgrad mag einem realistischen Künstler hier und dort beschieden sein, aber hier gilt wohl eher, daß ein Grützke am Ende doch nur mit jener Schwalbe verglichen werden kann, von der wir wissen, daß sie noch längst keinen Sommer macht, so wie hier und da auch realistisch arbeitende Bildhauer noch immer mit öffentlichen Aufträgen bedacht werden oder immer noch einige Galerien zwischen Hamburg, Frankfurt am Main und Berlin angesiedelt sind, die sich für realistische Kunst einsetzen.

 

Dennoch, insgesamt bleibt die Bilanz für die gegenstandsnahe Kunst eher defizitär. Wäre das anders, so hätte der Künstlersonderbund unter seinem Motto »est modus in rebus«(4) wohl kaum das Licht der Welt erblickt. Aber nun sind wir da! Vor genau hundert Jahren, 1893, wurden in Deutschland die ersten Sezessionen gegründet. Die Geschichte wiederholt sich, nie auf der gleichen, wohl aber auf einer anderen Ebene. Ein überregionaler Dachverband für alle auseinanderstrebenden Kunsttendenzen unserer Tage wird wachsend zum Anachronismus, nicht nur die Realisten (auf der letzten Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Darmstadt waren von unseren Mitgliedern gerade drei vertreten!), auch andere Gruppierungen mögen sich von Fall zu Fall benachteiligt vorkommen, sei es auch nur, daß großer Raumbedarf unter normalen Ausstellungsaspekten kaum ohne Nachteile für andere zu befriedigen ist. Ich bin durchaus kein Prophet, wenn ich an dieser Stelle weitere sezessionistische Abspaltungen vorhersage. Zurückbleiben wird, nach altem Muster, das alt-neue akademische Mittelmaß, wie stets vor allem darauf bedacht, seine Positionen und Finanzierungsquellen mit Zähigkeit zu verteidigen.


Ein Spezialisierungsprozeß unter den Museen ist ja schon längst in Gang gekommen oder wird doch mit Notwendigkeit eintreten, denn nicht alle verfügen über die Mittel, uferlos Dependancen aufmachen zu können. Vorläufig profitieren die Realisten davon noch nicht, nirgendwo gibt es auch nur eine Absichtserklärung, sich auf ihr Genre zu spezialisieren. Doch im Sauseschritt eilt die Zeit voran - warten wir's also ab. Denn es ist »der scharfe schöne Schein, der uns zu erkennen ermöglicht« (Peter Rühmkorf), eine Position, die uns einen langen Atem verliehen hat und noch verleihen wird ...

 

Der Künstlersonderbund ist eine freie Vereinigung von Künstlerinnen und Künstlern, die gegenständlich-realistisch arbeiten. Sein voller Name lautet: Künstlersonderbund in Deutschland 1990 e.V. - Realismus der Gegenwart. In §2 seiner Satzung sind Sinn und Zweck der Vereinigung wie folgt erläutert: »... Er (der Verein) stellt sich die Aufgabe, dieser Kunstströmung zu größerer Akzeptanz bei der Kritik, im Bereich der öffentlichen Sammlungen und den Medien im Allgemeinen zu verhelfen. Es soll erreicht werden, daß diese Kunsttendenz als ein in ihrem Rahmen innovativer Teil der künstlerischen Moderne verstanden und betrachtet wird. Darüber hinaus soll die kunstinteressierte Öffentlichkeit über die Breite und Vielfalt dieser künstlerischen Strömung besser informiert werden, als dies bisher der Fall gewesen ist.«

Nachdem etwa siebzig Künstlerinnen und Künstler ihre Bereitschaft erklärt hatten, Mitglied zu werden, erfolgte die eigentliche Gründung am 5. April 1990 im Beisein von Rechtsanwältin Koritz-Dohrmann, die auch beim Entwurf der Satzung beratend mitwirkte. Gründungsmitglieder waren: Manfred Bluth, Gisela Breitling, Tremezza von Brentano, Johannes Grützke, Matthias Koeppel, Ludmila Seefried-Matejkova, Satzungsgemäß bilden sechs Künstler den Vorstand, deren Wahl durch die Mitgliederversammlung erfolgt. Zurzeit gehören ihm an: Manfred Bluth, Tremezza von Brentano, Matthias Koeppel, Christa Sammler, Johannes Grützke, Ludmila Seefried-Matejkova. Zur Aufnahme als Mitglied ist ein einstimmiges Votum dieses Vorstands erforderlich, Die Zahl der Mitglieder beträgt 119 und ist identisch mit dem Katalogverzeichnis. Die meisten Mitglieder haben ihren Wohnsitz in Berlin (39), Hamburg (12), Leipzig und Halle (10); bei starker sonstiger geographischer Streuung leben und arbeiten z. B. in Wien noch fünf unserer Mitglieder. Ein Viertel der Mitglieder sind Künstlerinnen (30). Es gibt einen Freundes- und Förderkreis; Auskünfte erteilt die Geschäftsstelle des Künstlersonderbundes.


Im Rahmen künftiger Triennalen sollen auch Künstlerrealisten aus jeweils einem anderen europäischen Land als Gäste eingeladen werden.

Natürlich können wir auf niemanden Zwang ausüben, unserer Vereinigung beizutreten, auch zeigt ein bestimmter Künstlertypus seit jeher wenig Neigung zum Beitritt in Bünde, Gruppen und Vereinigungen jeglicher Art. Dennoch gäbe es auf unsere Mitgliedschaft im Bereich der alten Bundesländer bezogen nur sehr wenige Lücken zu füllen, so daß hier wirklich ein ausgezeichneter Überblick geboten werden kann. Auf die neuen Bundesländer bezogen trifft das leider nicht ganz zu, was ex-DDR-spezifische Gründe hat. Nicht zuletzt zählen dazu Überdruß und Scheu, schon wieder einem »Verband« beizutreten. Darüber hinaus gibt es besondere Befindlich- und Empfindlichkeiten, die zuweilen nur erahnt werden können. Es hat z. B. dem Zusammenleben von Künstlern in der ehemaligen DDR sicher auch ein gewisses klaustrophobisches Element angehaftet. Von den einstmaligen Künstler-»Flagschiffen« der DDR-Kunst wurde so nur Wolfgang Mattheuer unser Mitglied, der dann aber nach einem Jahr anderen Sinnes wurde und wieder austrat. Ein ebenso bedauerliches wie rätselhaftes Verhalten.

 

Unser Ehrenmitglied Hans Wimmer ist am 31. August 1992 im Alter von 85 Jahren gestorben. Noch vor seinem Tod war vereinbart worden, daß wir von ihm - ebenso wie von jedem anderen Mitglied - drei Arbeiten ausstellen werden. Nun ist seine Beteiligung zu einem Hinweis auf ein hochbedeutendes Werk geworden, das nunmehr der Kunstgeschichte angehört.
Als Ehrengast nimmt Georg Kupke an der Ausstellung teil. Da er seit vielen Jahren durch Krankheit am Schaffen gehindert ist, greifen wir bei der Präsentation seiner Arbeiten zeitlich weiter zurück. Wir bedanken uns bei Rudolf Springer für die bereitwillig gewährten Leihgaben von zwei der ausgestellten Bilder.

Unser Mitglied Fritz Köthe kann sich an dieser Ausstellung nicht beteiligen, da seine Vertragsgalerie seine Arbeit der Pop-art und nicht dem Realismus zuordnet und die Herausgabe von Bildern mit dieser Begründung verweigert. Daß wir diese - in unseren Augen höchst bedenkliche - Haltung bedauern, versteht sich von selbst. Es bleibt zu hoffen, daß Köthes Galerie nach dem Studium unseres Kataloges entdeckt, daß wir den Begriff »Realismus« so eng nicht fassen, und zur nächsten Triennale ihre Haltung entsprechend revidiert.

Als nicht in vollem Sinne den realistischen Strömungen zugehörig werden von uns im übrigen die Vertreter der wild-heftigen Malerei, des phantastischen Realismus und der naiven Kunst empfunden, wobei durchaus gesehen wird, daß die Erzeugnisse dieser sehr unterschiedlichen Richtungen punktuell sehr wohl auch etwas mit Realismus zu tun haben können.


Im klaren Bewußtsein, daß es noch Lücken zu füllen gibt, haben wir trotzdem angestrebt, diesem Katalog über den Tag hinaus Handbuchcharakter zu verleihen, denn auch ein nicht ganz vollständiger Überblick ist besser als gar keiner.

Ein Wort noch zum biographischen Teil dieses Kataloges: Die redaktionelle Verantwortung für die einzelnen Biographien ruht in erster Linie bei den Künstlern selbst. Das erklärt die zum Teil erheblichen Unterschiede in deren Länge und Inhalt. Gerade dieser Umstand erlaubt jedoch dem unbefangenen Leser so manche Rückschlüsse, die er nicht machen könnte, hätten wir alle Beiträge redaktionell über einen Kamm geschoren.
 

Dank


Es bleibt mir jetzt nur noch all denen zu danken, die sich um die Sache dieser Ausstellung verdient gemacht haben. In erster Linie den Mitgliedern des Stiftungsrates der Deutschen Klassenlotterie Berlin für die Bewilligung der erforderlichen Mittel. Sodann Frau Karin Heese, unserer Geschäftsführerin, für ihren unermüdlichen, die Arbeitsstunden nicht zählenden Einsatz.

Sogenannte institutionelle Mittel erhält der Künstlersonderbund von keiner Seite, wir müssen also mit unseren Mitgliedsbeiträgen und Zuwendungen aus dem Freundeskreis »den Laden schmeißen«, wie es so schön heißt. Ohne ein gewisses Engagement geht das nun einmal nicht, und so möchte ich mich an dieser Stelle auch bei den Mitgliedern unseres Vorstandes für ihren Einsatz bedanken; ist ja alles - im vollen Sinne des Wortes - ehrenamtlich. Ein besonderer Dank gilt den fördernden Mitgliedern, an der Spitze Frau Anneliese Bödecker, die sich mit Verve unserer Sache angenommen hat und auch als großzügige Spenderin in Erscheinung getreten ist. Ferner möchte ich mich noch bei allen Autoren bedanken, die mit ihren jeweiligen Beiträgen den Katalog sehr bereichert haben. Zwei dieser Beiträge beschäftigen sich aus jeweils verschiedener Sicht mit dem Realismus im Bereich der dahingeschwundenen DDR. Nicht nur im Interesse unserer DDR-Mitglieder schien es angebracht, auf diesem besonderen Felde noch einmal den Versuch zu machen, Bilanz zu ziehen. Zum Abschluß drucken wir ein Kapitel aus dem Buch »Die Schuld der Moderne« unseres Mitgliedes Klaus Fußmann. Seit jeher haben sich in Zeiten, in denen die Kunstkritik ihren Aufgaben nicht mehr gerecht wurde, Künstler zu Wort gemeldet, um das entstandene Vakuum mit intelligenten Beiträgen zu füllen und andere Wertungen zu setzen. Auf diesem Felde setzen wir mit dem Fußmann-Essay nichts weiter als eine gute Tradition fort. Zum Schluß sei allen privaten und öffentlichen Leihgebern - an ihrer Spitze die Berlinische Galerie - herzlich gedankt. Durch ihre Unterstützung konnte unsere Ausstellung wesentlich bereichert werden.

 

Anmerkungen

1 Aber auch die Münchener Kunstausstellung des Jahres 1939 hatte immerhin 423000 Besucher aufzuweisen – ein guter documenta-Schnitt!

2 Für Neugierige: Es handelt sich um Niedersachsen.

3 Prof. Karl Schawelka, Kunstgeschichtskunst oder: Ornithologen beim Eierlegen, Kasseler Universitätsreden 10, 1992. In der Schrift sonnt sich der Verfasser in dieser neuen Rolle der Kunstwissenschaft.

4 »est modus in rebus, sunt certi denique fines«, Horaz, Satiren, I. 1, 106. Das Maß liegt in den Dingen, es gibt, kurz gesagt, bestimmte Grenzen.

 

 Manfred Bluth 1993                                                                                                                                         Texte/Artikel